Ihre Schwester für meinen Mann!

Lola Victoria Abco hat die nachfolgende Kriminalerzählung geschrieben.

Anlässlich seines 25-jährigen Todestages fand am 29.4.2005 in der Kunsthalle in Hamburg eine Alfred-Hitchcock-Retrospektive statt. Mit „Zwei Fremde im Zug“ sollte die Filmnacht eröffnet werden.
Wie ein Fels in der Brandung stand Museumsdi­rektor Dr. Reichmann stoisch im Foyer und trennte die hineinströmende Flut der Besucher in zwei Teile. Ängstlich hatte sich seine Frau bei ihm untergehakt. Nur wenn ihr Mann seine Hand ausstreckte, um einen ausgewählten Gast zu begrüßen, löste sie ihren Griff.
„Georg“, raunte sie ihm leise zu, „das hier ist keine Kunst, das ist eine Massenveranstaltung!“
„Du bist eine der Wenigen, die Hitchcock nicht für einen Künstler halten, Heda!“
„Einen Regisseur von Mord und …“
„Eins, zwei, drei die Polizei!“ Mit einem ange­deuteten Bückling streckte Herr Reichmann einer sportlichen Frau um die vierzig die Hand entgegen.
„Wie schön Sie begrüßen zu dürfen, Frau Haupt­kommissarin Mansur!“ Angestrengt lächelnd schüttelte auch seine Frau der Polizistin die Hand.
„Georg! Musst du denn herausbrüllen, dass du jemanden von der Polizei kennst?“, fragte Frau Reichmann mit unverhohlenem Missmut, nachdem sich die Hauptkommissarin von ihnen entfernt hatte.
„Wieso denn nicht? Immerhin hat sie uns gehol­fen den Picasso wiederzubekommen!“
„Ach so, Raubdezernat!“, sagte seine Frau er­leichtert.
„Nicht mehr, Heda, nicht mehr.“
„Was dann?“
„Rate selbst. Warum habe ich Frau Mansur wohl zu einem Hitchcockabend eingeladen?“
„Du meinst doch wohl nicht …“
„Achtung, da kommt die Scheidungskönigin der Stadt!“
Zielstrebig kam eine Frau in einem auffallenden, roten Abendkleid auf den Museumsdirektor zu.
„Dr. Reichmann! Dr. Reichmann! Welch eine absolut wunderbare Idee!“, rief Frau von Plizewitz-Ebentreu durch das Foyer, während sie mit weit offenen Armen auf ihn zuging. „Alfred Hitchcock! Ich liebe ihn. Pablo, Caspar David und Hitch. Wunderbar genial!“ Ohne sich um seine ausge­streckte Hand zu kümmern, hauchte Frau von Plizewitz–Ebentreu ihm zwei Küsse auf die Wan­gen und streckte seiner Frau ihre Hände entgegen. „Und das muss die entzückende Madame Richman sein!“ Irritiert löste sich Frau Reichmann von ihrem Mann und trat hastig einen Schritt zurück. Er­schrocken bemerkte sie, dass sie einer Frau, die hinter ihr stand, auf den Fuß getreten war.
„Oh, entschuldigen Sie bitte, ich …“
„Ach, Sie müssen sich doch nicht entschuldi­gen!“, wiegelte Frau von Plizewitz-Ebentreu ab. „Meine kleine Schwester ist es gewohnt, übersehen zu werden.“
Ohne ihren Affront zurückzunehmen, machte sie das indignierte Ehepaar mit ihrer Schwester Frau Brandenburg bekannt. Währenddessen blieb ein Paar um die Fünfzig wartend in Hörnähe stehen. Die Frau beobachtete das ungleiche Ge­schwisterpaar interessiert, als es sich abwandte und zusammen in den Zuschauersaal ging. Für einen kurzen Moment hielt die jüngere der Beiden inne und warf ihnen über die Schulter einen Blick zu.
„Heda, darf ich dir vorstellen, Herr Bebensee, unser Abteilungsleiter für…“
„Georg, selbstverständlich weiß ich, was Herr Bebensee macht!“ Lächelnd reichte sie dem Mitar­beiter ihres Mannes die Hand.
„Guten Abend, Frau Reichmann. Ich bin sehr erfreut, Sie kennen zu lernen!“, sagte Herr Beben­see steif, aber nicht ohne Wärme. Stumm und ohne ihre distanzierte Miene für einen Augenblick zu ändern, schüttelte Frau Bebensee die ihr entgegen gestreckten Hände.
„Wie schön auch Sie kennen zu lernen!“, meinte Herr Dr. Reichmann lächelnd. Gleichgültig drehte sich Frau Bebensee von ihnen ab und ging weiter. Nach einem entschuldigenden Blick auf seinen Vorgesetzten eilte ihr Mann ihr nach.

Eilig stellte Karen Meyer die letzten Gläser auf dem Tisch vor sich zurecht. Nach dem Ende von „Zwei Fremde im Zug“ sollten die Zuschauer Getränke im Foyer kaufen können bis eine halbe Stunde später der Film „Psycho“ anlaufen würde. Zufrieden schaute sich Karen Meyer um. Alles stand bereit, ihr blieb genug Zeit bis sie sich bereithalten musste, um die Kaltgetränke zu verkaufen. Karen Meyer liebte Alfred Hitchcock und Patricia Highsmith gleichermaßen, im Filmsaal wurde ihr beides geboten. Leise öffnete sie dessen Tür und schlüpfte in den dunklen Raum. Gebannt schaute sie auf die Leinwand.

„Wissen Sie was? Ich bringe ihre Frau um und Sie meinen Alten. Kein Mensch weiß, dass wir uns kennen – perfektes Alibi, klar? Kein Motiv. Kein Verdachtsmoment. Jeder wartet, bis der andere nicht zu Hause ist – und dann …“ *

Während sich Herr Bebensee in die Schlange vor dem provisorischen Tresen einreihte, ging seine Frau in das Foyer und blieb zwischen den anderen Besuchern stehen. Unmittelbar neben ihr plauderte Hauptkommissarin Mansur mit drei Frauen. Ohne ihre Unterhaltung zu unterbrechen, traten die Frauen zur Seite, als sich zwei Männer zu Frau Bebensee gesellten.
„Darf ich vorstellen“, sagte einer der Männer, nachdem er Frau Bebensee begrüßt hatte, „Man­fred Markheuer – Hendriks Frau.“
„Hendriks Frau?“, fragte Manfred Markheuer.
„Genau. Schlichtweg nur Hendriks Frau!“, ant­wortete Frau Bebensee schnippisch. „Die Frau Hendriks, das bin ich!“ Mit einem vernichtenden Blick auf ihren Bekannten wandte sie sich um und drängte Frau Mansur unwirsch zur Seite. Stirnrun­zelnd schaute ihr die Hauptkommissarin hinterher wie sie sich einen Weg durch die Menge in Rich­tung der Toiletten bahnte.
Ungeduldig sah Frau Brandenburg, dass fünf Frauen vor ihr vor den Toiletten warteten. Unan­genehm berührt stellte sie fest, dass ausgerechnet die Frau, die den peinlichen Auftritt ihrer Schwes­ter beobachtet hatte, vor ihr stand. Plötzlich drehte sich die Frau zu ihr um und flüsterte: „Kommen Sie, ich weiß, wo es noch eine gibt.“
Ohne zu zögern folgte ihr Frau Brandenburg durch einen langen, verschlungenen Flur. An dessen Ende lag eine weitere Damentoilette.
„Oh, toll, keine Warterei“, sagte Frau Branden­burg erleichtert und schloss eine Kabinentür hinter sich. Als sie wieder hinaustrat, stand Frau Bebensee vor einem der beiden Waschbecken.
„Sie haben den Film auch gesehen?“
In Gedanken versunken nickte Frau Bebensee abwesend. Schweigend kämmte sie ihre Haare. Frau Brandenburg warf einen kurzen prüfenden Blick in den Spiegel. Während sie ihren Lippenstift aus der Tasche holte, sagte sie lachend: „Und, wen soll ich für Sie umbringen?“
Mit einem Schlage wandte ihr Frau Bebensee ihre volle Aufmerksamkeit zu.
„Wir beide kennen uns auch nicht! Genau wie im Film eben“, sprach Frau Brandenburg arglos weiter. „Also, wen soll ich für Sie umbringen?“
„Meinen Mann!“, antwortete Frau Bebensee prompt.
„Ihren Mann? Abgemacht, er ist schon so gut wie tot!“ Zwinkernd fügte Frau Brandenburg hinzu: „Dafür müssen Sie meine Schwester um­bringen!“
„Ihre Schwester?“
„Ja. Sie ist Ihnen bestimmt aufgefallen, Martina muss immer auffallen! Lange, blonde Haare. Ihr Luxuskörper steckt heute Abend in einem roten Abendkleid von Versace! So geht sie zu einer Filmvorführung. Na ja, Martina eben.“
Ohne etwas zu sagen, nickte Frau Bebensee. Fragend sah Frau Brandenburg sie lächelnd an: „Abgemacht, Frau?“
„Abgemacht!“, antwortete Frau Bebensee. „Ihre Schwester für meinen Mann!“ Ohne zu zögern schlug sie in Frau Brandenburgs ausgestreckte Hand ein. „Ich heiße Hendriks, Frau Hendriks!“
„Mein Name ist Alexandra Brandenburg.“ Auf­gedreht redete sie weiter. „Wie wird der letzte Auftritt meiner Schwester enden? Haben Sie schon eine Idee?“
„Ja. Hiermit!“ Frau Bebensee hielt Frau Bran­denburg ihre geöffnete Handtasche entgegen.
„Oh, lala! Ein Pistölchen! Was haben Sie für Sachen in Ihrer Tasche, Frau Hendriks?“
„Nur zur Selbstverteidigung. Man weiß nie!“

Frau Brandenburg trocknete sich die Hände und zog unscheinbare, schwarze Samthandschuhe über. „Ein Geschenk meiner Schwester. Am Liebsten wäre ihr, ich würde einen großen Ring dazu tragen. Darüber natürlich, Hauptsache man fällt auf.“
Nebeneinander gingen die Frauen den langen Flur zurück. Kurz bevor sie beim Foyer ankamen, stieß Frau Brandenburg unachtsam gegen die Schulter von Frau Bebensee. „Entschuldigen Sie!“
„Ja, nichts passiert! Also die Uhr läuft, es bleibt nicht mehr viel Zeit.“
„Genau. Wir haben eine Vereinbarung!“, ant­wortete Frau Brandenburg verschwörerisch. Frohgelaunt sah sie der sich entfernenden Frau Bebensee hinterher. Suchend schaute sich Frau Brandenburg im Foyer nach ihrer Schwester um. Mit einem Schulterzucken ging sie in den fast vollen Filmsaal zurück und ließ sich schmunzelnd in den Sessel zurücksinken. Einmal musste sie aufstehen, um Hauptkommissarin Mansur vorbei­zulassen. Dann begann der nächste Film. Der Platz ihrer Schwester blieb leer.
Plötzlich war ein lang anhaltender Schrei zu hö­ren. Unbeirrt schaute das Publikum weiter gebannt auf die Leinwand, nur Frau Mansur wandte sich für einen Augenblick ab. Außer den Filmgeräuschen konnte sie jedoch nichts hören und drehte sich wieder um. Heftig wurde die Tür des Filmsaals aufgerissen. Karen Meyer stand kreischend in dem Türrahmen. Hastig sprang die Hauptkommissarin auf und bahnte sich einen Weg durch die Zuschau­erreihe. Hysterisch schreiend hielt ihr die junge Frau ihre blutigen Hände entgegen.
„Blut! Blut! Die Garderobe! Blut!“

Ein Blick auf die Frau in dem auffallenden roten Abendkleid sagte der Hauptkommissarin, dass sie tot war. Nur noch ein kleiner Teil des Gesichtes war zu erkennen. Sofort beorderte Frau Mansur ihre Kollegen zur Hamburger Kunsthalle, die innerhalb weniger Minuten abgeriegelt und durch­sucht wurde. Die Besucher der Alfred-Hitchcock-Retrospektive, leidlich durch ein paar Worte des ebenfalls geschockten Herrn Reichmann beruhigt, mussten im Filmsaal warten bis ihre Personalien aufgenommen, sie selbst durchsucht und nach brauchbaren Informationen befragt worden waren. Erst in der späten Nacht durften sie die Kunsthalle durch einen Nebenausgang verlassen. Trotz der so­fort ergriffenen Maßnahmen konnte weder ein Tatverdächtiger gestellt, noch die Tatwaffe gefun­den werden. Einzig die Identität der Toten wurde sofort geklärt. Als sich die Hauptkommissarin über die Leiche gebeugt hatte, war Frau Brandenburg hinter ihr aufgetaucht. Fassungslos hatte sie ge­schrien: „Martina! Nein! Es war doch nur ein Scherz, Martina!“
Noch in der gleichen Nacht wurde Hauptkom­missarin Mansur offiziell mit der Klärung des Mordfalls beauftragt und ein Ermittlungsteam zusammengestellt.
Vierundzwanzig Stunden nach dem Mord stand fest, dass der Täter die Zeitspanne von siebzehn Minuten zwischen den tödlichen Schüssen und der Abriegelung der Kunsthalle genutzt hatte, um sich der Tatwaffe zu entledigen. Sowohl das Gebäude als auch das angrenzende Gelände waren erfolglos abgesucht worden. Hauptkommissarin Mansur vermutete zudem, dass der Täter umgehend geflüchtet war. Ausschließen wollte sie jedoch auch nicht, dass er in die Kunsthalle zurückgekehrt war, darauf hoffend niemandem sei seine Abwesenheit aufgefallen und er somit ein Alibi geliefert bekam.
Keiner der Anwesenden in der Kunsthalle konnte einen nützlichen Hinweis geben. Aufgrund ihres auffälligen Kleides und ihrem exaltierten Gebaren war Frau von Plizewitz-Ebentreu fast jedem aufgefallen. Bis auf die Schwester und dem Sitznachbarn rechter Hand bemerkte jedoch niemand, dass sie nach der Pause nicht an ihren Platz zurückgekehrt war.
Fünf Zuschauer hatten während des Films den Saal verlassen, jeweils mindestens zwei Personen konnten bestätigen, sie seien vor den Schüssen wieder an ihren Platz zurückgekehrt. Mehrere Personen waren gar nicht zur zweiten Vorführung erschienen.
„Ich weiß, Frau Brandenburg war bereits an ihrem Platz, als ich in den Saal ging. Sie hatte den ersten Sitz in meiner Reihe. Ob sie dort allerdings die ganze Zeit über geblieben ist, kann ich nicht sagen“, meinte die Hauptkommissarin zu ihrem Kollegen Inspektor Markus Harks. „Zu dumm.“
„Ein Motiv hat sie. Sie ist die einzige lebende Verwandte. Die kleine Schwester mit dem Sekretä­rinnengehalt und dem miserablen Händchen fürs Geld wird die Millionen der großen Schwester erben.“
„Die Ernte aus zwei lukrativen Scheidungen und einer nicht minder erfolgreichen Witwenschaft“, ergänzte Hauptkommissarin Mansur. „Das alleine kann uns nicht als Motiv reichen, aber offenbar hatten die beiden Schwestern ein ziemlich ge­spanntes Verhältnis. Eine echte Hassliebe.“
„Im Moment war kein neuer Ehemann in Sicht. Da taugte die kleine Schwester als Begleiterin und durfte ein wenig Luft in der hamburger Gesell­schaft schnuppern. Und die große Schwester sprang im Gegenzug für ein paar Rechnungen ein. Wie edel.“
„Aber erinnere dich, Markus, was Frau Reich­mann über Frau von Plizewitz-Ebentreus Auftritt im Foyer gesagt hat. Sie hat ihre Schwester spüren lassen, dass sie ein Nichts ist.“
Am nächsten Tag verhärteten sich die Ver­dachtsmomente gegen Frau Brandenburg. Sie stand vor dem finanziellen Ruin und hätte einen Offen­barungseid leisten müssen, wenn ihre ältere Schwester ihr nicht unter die Armen gegriffen hätte. Die Nachforschungen im persönlichen Umfeld der Frauen ergaben, dass deren Verhältnis seit Kindesbeinen an belastet war. Mehrere Be­kannte der Familie erinnerten sich, dass Frau Brandenburg ihre Aversion gegen ihre Schwester nur mit Mühe im Zaum halten konnte. Einmal hätte sie im Zorn deren nagelneuen Porsche mit ei­ner Glasscherbe zerkratzt. Daraufhin hätte sie ihre Anstellung als Sekretärin ihres ersten Schwagers Heinrich von Plizewitz verloren. Erst nach sieben­monatiger Arbeitssuche wurde sie vom Juniorchef des Kaufhauses Falkenstein engagiert. Nach einem knappen Jahr wurde ihr Chef ihr Schwager Num­mer zwei. Auf dem Umtrunk mit seinen engsten Mitarbeitern anlässlich seiner Hochzeit bezeichnete Frau Brandenburg ihre Schwester als Bordstein­schwalbe in Chanel und wurde erneut arbeitslos. Ihr dritter Schwager, der Reeder Anton Ebentreu, hegte nach Angaben von Zeugen mehr als nur brüderliche Gefühle für seine junge Schwägerin. Frau von Plizewitz-Ebentreu brach ohne zu zögern den Kontakt zu ihrer Schwester ab. Erst nach dem Tod des Reeders sah man die Schwestern wieder zusammen.
Hauptkommissarin Mansur bestellte Frau Bran­denburg in das Präsidium und konfrontierte sie mit den Ermittlungsergebnissen. Frau Brandenburg bestritt alle Vorwürfe. Während Inspektor Harks das Verhör beharrlich weiterführte, fragte Haupt­kommissarin Mansur plötzlich unvermittelt: „Als Sie ihre tote Schwester sahen, haben Sie gerufen ‚Es war doch nur ein Scherz, Martina!’ Warum, Frau Brandenburg?“
„Ich, ich, ich weiß nicht!“, stotterte sie.
„Sie sehen Ihre Schwester im eigenen Blut liegen und sprechen von einem Scherz. Was haben Sie damit gemeint?“
Überrascht zuckte Inspektor Harks zusammen, als Frau Brandenburg von ihrem Stuhl aufsprang und verzweifelt schrie: „Weil es nur ein Scherz war! Ein Scherz! Ich habe doch nur mit Frau Hendriks rumgealbert!“ Nach diesem Ausbruch setzte sich Frau Brandenburg wieder hin und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen. „Sie hat mich miss­verstanden!“, schluchzte sie. „Sie muss verrückt sein. Suchen Sie Frau Hendriks! Sie hat meine Schwester erschossen!“
Nach dem Verhör ließ Hauptkommissarin Man­sur die Schwester der Ermordeten auf freiem Fuß, ordnete jedoch an, dass sie rund um die Uhr beschattet werden sollte.
„Da hat aber jemand nicht viel Phantasie!“, sagte Inspektor Harks. „Tischt uns die gleiche Ge­schichte wie im Film auf.“
„Hm, vielleicht, aber können wir sicher sein, dass es nicht stimmt?“
„Mensch, glaubst du das Ammenmärchen etwa?“
„Wenn es stimmen würde, hieße es, dass Frau Brandenburg in absehbarer Zeit einen gewissen Herrn Hendriks ermorden wird.“
„Aber leider oder Gottseidank gibt es unter den Gästen weder einen Herrn noch eine Frau Hend­riks“, warf Inspektor Harks ein. „Mal abgesehen davon, welchen Grund hätte Frau Brandenburg ihren Teil der Abmachung einzuhalten? Sie hat bekommen, was sie wollte!“
Die Hauptkommissarin nickte zustimmend. „Also, wo stehen wir, Markus? Erstens, wie immer in ihrem Leben beachtet niemand Frau Branden­burg. Sie schleicht sich unbemerkt aus dem Saal. Wie sie vermutet, ist ihre Schwester in der Garde­robe und macht sich für ihren Auftritt zurecht. Wenn sie zu spät in die Vorstellung kommt, würden sich aller Augen auf sie richten. Frau Brandenburg erschießt ihre Schwester und läuft unbemerkt von den Angestellten, die mit dem Abräumen der Tische beschäftigt sind, aus der Kunsthalle und lässt die Waffe verschwinden. Sie rennt zurück und taucht als erste hinter mir in der Garderobe auf. Später tischt sie uns dein soge­nanntes Ammenmärchen auf. Zweitens: Frau Hendriks existiert wirklich. Und verdammt noch mal, mir spukt der Name im Kopf herum! O.k., Frau Hendriks setzt also ihren Teil der Abmachung sofort in die Tat um. Was bleibt, ist die Frage, wer und wo ist Frau Hendriks und wie geht es ihrem Mann?“
„Um ihn habe ich keine Angst“, meinte der In­spektor. „Wie gesagt, Frau Brandenburg hat was sie will. Warum sollte sie ihn ermorden?“
„Ja, warum?“, fragte die Hauptkommissarin nachdenklich. „Haben wir ein Drittens übersehen, Markus?“

„Weshalb sollte ich das tun?“, schrie Frau Bran­denburg in den Hörer.
„Ihre Schwester für meinen Mann!“, sagte die Stimme am anderen Ende sachlich.
„Sie sind verrückt!“, lachte Frau Brandenburg hämisch auf. „Warum sollte ich das für Sie tun?“
„Weil unsere Abmachung …“
Abrupt wurde die Leitung unterbrochen. Un­mittelbar darauf läutete Frau Brandenburgs Telefon erneut.
„Lassen Sie mich zufrieden!“
„Niemals, Frau Brandenburg, niemals!“
Ohne ein weiteres Wort beendete Frau Bran­denburg das Telefonat und rannte aus ihrer Woh­nung. Ziellos lief sie durch die hamburger Innen­stadt. Als sie wieder in ihrer Wohnung war, klin­gelte ihr Telefon.
„Ihre zügellose Wut hat Sie schon oft in die Bredouille gebracht, nicht wahr? Hören Sie mir gut zu, Frau Brandenburg, wenn Sie nicht für den Rest Ihres Lebens im Gefängnis sitzen wollen! Unsere Abmachung hieß Ihre Schwester für meinen Mann! Ihre Schwester ist tot, nun müssen Sie meinen Mann beseitigen!“
„Ich habe, was ich will. Meine Schwester ist tot und ich bin ihre Erbin!“, sagte Frau Brandenburg nicht ohne Genugtuung. „Warum sollte ich wohl Ihren Mann umbringen?“
„Weil Sie dumm sind! Ich weiß alles über Sie, aber Sie wissen nichts über mich!“
„Warum muss ich etwas über Sie wissen, Frau Hendriks, es reicht doch …“
„Weil Sie mir einen Mord in die Schuhe schie­ben wollen! Sie haben mich im Flur bewusst angerempelt, um meine Pistole aus der Handtasche zu nehmen. Ich habe es erst zu Hause bemerkt, das ist Ihnen wirklich gelungen!“
„Ihre Pistole wird Sie …“
„Ihre Uhr läuft ab, hören Sie mir lieber zu! Sie dachten, wenn alle Stricke reißen, können Sie der Polizei von mir erzählen und ich bin mir auch sicher, irgendwo werden Sie die Pistole mit meinen Fingerabdrücken verwahrt haben!“
„Sehen …“
„Unterbrechen Sie mich nicht“, flüsterte Frau Bebensee eisig. „Malheur eins, es gibt keine Frau Hendriks nach der die Polizei fahnden könnte. Ich habe Ihnen einen falschen Namen genannt. Mal­heur zwei, ich habe ein Alibi. Nachdem wir uns getrennt haben, habe ich die Kunsthalle verlassen. Natürlich ist mir mein Mann wie immer dackel­gleich gefolgt. Gemeinsam sind wir mit dem Taxi nach Hause gefahren. Die Quittung habe ich noch. Malheur drei, der Einschusskanal! Ist ihnen nicht aufgefallen, dass ich Linkshänderin bin?“ Eine Minute lang sagte keine der beiden Frauen etwas. „Verstehen Sie nun, mir kann man keinen Mord vorwerfen, im Gegensatz zu ihnen. Ich nehme an, die Polizei hat im Moment nicht ausreichend Beweise gegen Sie, aber wie stehen Sie da, wenn plötzlich Frau Hendriks auftaucht und ein wasser­dichtes Alibi präsentiert?“ Wieder schwieg Frau Bebensee bevor sie weitersprach. „Halten Sie unseren Deal nicht ein, werde ich in genau fünf Stunden Hauptkommissarin Mansur anrufen. Wol­len Sie dieses Risiko wirklich eingehen, Frau Brandenburg?“

Unbemerkt von ihr, beobachtete Inspektor Müller wie Frau Brandenburg die Kunsthalle betrat. Plötzlich griff sie nach ihrem Handy. Nach einem Augenblick steckte sie es in ihre Jackentasche zurück. Zielstrebig ging sie in den zweiten Stock und betrat die dortige Damentoilette. Unbeirrt folgte ihr der Inspektor hinein und sah wie sie ein Paket öffnete. Mit einer gemurmelten Entschuldi­gung trat er wieder aus dem Damenwaschraum, während sich Frau Brandenburg in eine Kabine einschloss. Mit zitternden Fingern hielt sie ein Foto eines Mannes in der Hand, dann nahm sie eine Spritze aus dem Paket. Wieder klingelte ihr Tele­fon. Kurz darauf fuhr Frau Brandenburg mit dem einzigen Lift in den fünften Stock. Keuchend eilte Inspektor Müller die Treppe hoch.
Erneut klingelte Frau Brandenburgs Handy. „Zimmer 518. Treten Sie zügig ein und gehen Sie gleich dicht an ihn heran. Zögern Sie nicht!“, wurde sie von Frau Bebensee angewiesen.
„Van Gogh-Ausstellung, in zwei … kann ich Ihnen helfen?“, fragte Herr Bebensee die Frau, die in sein Zimmer gehastet kam. „Zu wem wollen Sie?“ Überrascht drehte er seinen Bürosessel zu der jungen Frau um. Mit einer zügigen Bewegung riss Frau Brandenburg ihren rechten Arm hoch und ließ ihn hinuntersausen. Herr Bebensee spürte wie sich etwas in seinen Hals bohrte, dann verlor er die Besinnung.
Plötzlich wurde die Bürotür aufgerissen. In­spektor Müller sah, dass Frau Brandenburg eine Spritze in der Hand hielt. Mit einem Satz stürmte er in das Zimmer und schlug sie ihr aus der Hand.
Erschüttert sah der Inspektor wie Herr Beben­see mit aufgerissenen Augen leblos von seinem Sessel rutschte und sein Körper mit einem dump­fen Poltern auf den Boden schlug.

 – Ende –

* Zitat aus „Zwei Fremde im Zug“, Patricia Highsmith, Diogenes-Verlag, o. J.

Die Erzählung „Ihre Schwester für meinen Mann!“ ist erschienen in dem Buch:

Unheilvolle Bekanntschaften
Lola Victoria Abco
Kriminalerzählungen, pirat-verlag, 2009/2011
ISBN 978-3-938237-00-7, Paperback, 208 Seiten,
Kindle Edition, ASIN B006J8LP7O

 

Informationen über die Autorin Lola Victoria Abco und ihre Bücher erhalten Sie auf deren Homepage:
www.Lola-Victoria-Abco.de